Historische Elche (Teil 5): Keine westfälischen – aber alemannische, fränkische und merowingische Elchjäger im frühen Mittelalter

Auf den Spuren der Elche in historischer Zeit begeben wir uns heute ins finstere Mittelalter.

Eine historisch nicht verbürgte Szene: Der gefeierte fränkische König und Kaiser, der gefürchtete Sachsenschlächter Karl auf erfolgloser Elchjagd.

Eine historisch nicht verbürgte Szene: Der gefeierte Reichsgründer und Herrscher, der hoch verehrte fränkische König und Kaiser, der gefürchtete Sachsenschlächter Karl auf erfolgloser Elchjagd am Neckar.

Das finstere Mittelalter! Das nennt man so, weil die Quellenlage dieser Epoche so jämmerlich dünn ist und uns heute über die Menschen jener Tage und ihr Leben so wenig erleuchtet. Und wahrhaftig: Auch für alle Elch-Freunde unter den Historikern, die sich für dieses Thema erwärmen und gründliche Recherchen betreiben, sieht es finster aus. Kaum Anhaltspunkte…

Doch so viel steht fest: Im Mittelalter wimmelte es geradezu vor Elchen in allen teutschen Landen von Friesland über Westfalen bis Bayern. Und da der Elch auch im frühen Mittelalter einen vorzüglichen Braten abgab, galt es bei Kaiser, König, Edelmann als sportliches Hobby, solch Braten zu ergattern.

Karl der Große

So ist in der Gründungssage von Heilbronn zu lesen: „Karl der Große (…) hatte einst in der Gegend [von Heilbronn] eine Jagd veranstaltet; denn noch waren die Hügel rings um den Neckar mit dichtem Wald bedeckt, in dem Ur und Elch, Hirsch und Eber hausten. (…)“ In diesem Text über den Frankenkaiser kommen auch wieder unsere bereits als Elchjäger bekannten Alemannen vor (siehe auch: Historische Elche (Teil 1): Zwei Alemannen suchen einen Elch), was durchaus an eine gewisse Kontinuität der Elch-Historie glauben lässt. Denn an einer heiligen Quelle – später „Heilbronn“ genannt – stand laut Sage ein Altar der heidnischen Alemannen, der auf kaiserlichen Wunsch schnell durch einen christlichen ersetzt wurde.

Hariolf und Erlolf

Es existiert eine weitere Legende über eine Elchjagd und eine Stadtgründung – zudem aus der gleichen Zeit und ebenfalls unter Beteiligung von Franken und Alemannen: Über Stadt und Kloster Ellwangen.

Nicht alle Heiligen-Legenden entsprechen auch der Wahrheit: War es eventuell so, dass Hariolf, ordentlich besoffen und mit einem Kastanienelch vor sich, die Glocken läuten hört, als in der Waldschenke die letzte Runde eingebimmelt wurde?

Nicht alle Heiligen-Legenden entsprechen der Wahrheit: War es eventuell so, dass Hariolf, ordentlich besoffen und mit einem Kastanienelch vor sich, die Glocken läuten hörte, als in der Waldschenke die letzte Runde eingebimmelt wurde?

Demzufolge sind Hariolf und Erlolf, zwei Brüder aus einer bayerisch-alemannischen Adelsfamilie, die Gründer der Stadt. Der Name „Ellwangen“ geht zurück auf eben jenes Ereignis, das zur Stadtgründung führte – auf einen „Elchfang“. Damals war Hariolf laut „Vita Hariolfi“ mit einem Freund, einem fränkischen Adelsspross, auf Elchjagd im Virngrundwald. Dieser Wald war wohl Ende des 8. Jahrhunderts ein unwirtlicher Urwald. Sie jagten also einen Elchbock und es gelang ihnen schließlich am späten Abend, das Tier zu erlegen. Nachts hörte Hariolf Glockenklänge und deutete das tags drauf als göttliche Aufforderung, hier ein Kloster zu erbauen. So machte man das damals.

Dagobert

Und noch eine kleine geschichtliche Elch-Exkursion, in der Alemannen – aber am Rande auch Westfalen – vorkommen: Elch-Kinderbuch_Burg_Meersburg_ElchtrophäeDer merowingische König Dagobert I. unternahm im 7. Jahrhundert den Versuch, die heidnischen Alemannen am Bodensee zu christianisieren. Dazu soll er als befestigten und sicheren Ausgangspunkt den Dagobertsturm, den späteren Bergfried der stolzen Meersburg, aus monolithischen Steinquadern errichtet haben. Elch-Kinderbuch_Burg_Meersburg_Trinkgefäß_aus_ElchfußSeither ist die Meersburg bewohnt und gilt als Deutschlands älteste bewohnte Burg. Schon darum lohnt eine Besichtigung. Jeder Besucher, der heute durch die alten Hallen, Gänge und Gewölbe streift, entdeckt auch zwei Elchrelikte aus undefinierbar alter Zeit: Ein Trinkgefäß, das aus dem Lauf eines Elchs gefertigt wurde, sowie einen Elchkopf. Besonders der Zustand des Elchkopfs lässt auf sein hohes Alter schließen und daher vermuten, dass das Tier noch von Dagobert selbst erlegt wurde.

Annette und Ferdinand

Nun zu den Westfalen am Rande dieses Elch-Exkurses: Jedem Besucher der Meersburg, der heute durch die alten Hallen, Gänge und Gewölbe streift, wird das original erhaltene Arbeits- und Sterbezimmer einer der größten deutschen Dichterinnen präsentiert. Am 24. Mai 1848 starb hier Annette Freiin von Droste-Hülshoff an einer Lungenentzündung. Was aber hatte Annette mit Elchen zu tun? Nun, das ist unbekannt – doch wird sie wohl immerhin die beiden Elchrelikte, Trinkgefäß und Kopf, oft gesehen haben. Dessen ungeachtet hatte einer der Neffen der westfälischen Dichterin, der Ornithologe und Schriftsteller Ferdinand Freiherr von Droste zu Hülshoff, sehr wohl mit Elchen zu tun. Er war sogar ein wahrer Elch-Experte. Denn dieser Ferdinand hinterließ der interessierten Nachwelt einen Aufsatz in der Fachzeitschrift „Zoologischer Garten“, wo er 1869 über die „Verteilung des Elchwildes in Ostpreußen“ referierte.

Im Diesseits sind sie sich definitiv nie begegnet. Doch wer kann sagen, ob sich Annette und Dagobert beim nächtlichen Spuk auf Burg Meersburg nicht so manch bunte Geschichte zu erzählen haben?

Im Diesseits sind sie sich definitiv nie begegnet. Doch wer kann sagen, ob sich Annette und Dagobert beim nächtlichen Spuk auf Burg Meersburg nicht so manch bunte Geschichte zu erzählen haben?

So, und was sollte das jetzt mit den Westfalen und den mediävalen Elchen? Wir gestehen: Das war ein müder Versuch! Es ist uns leider nicht geglückt, Elchspuren in dieser Epoche der westfälischen Geschichte zu entdecken… Doch immer nur Alemannen sind langweilig, oder? 😉

In unserer Reihe „Historische Elche“ haben wir bislang folgende Abhandlungen veröffentlicht:

Teil 1: Zwei Alemannen suchen einen Elch

Teil 2: Elche im US-Präsidentschaftswahlkampf

Teil 3: Elche in der Nazi-Kunst

Teil 4: Rätsel um den Bernsteinelch von Weitsche

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Eine Antwort zu “Historische Elche (Teil 5): Keine westfälischen – aber alemannische, fränkische und merowingische Elchjäger im frühen Mittelalter

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